Ein ambitioniertes Pilotprojekt des österreichischen Innenministeriums (BMI) sollte die Mobilitätswende im Blaulicht-Sektor einläuten. Doch nach zwei Jahren Testbetrieb ziehen die Behörden eine ernüchternde Bilanz: Die eingesetzten VW-Modelle ID.3 und ID.4 seien für den harten Streifendienst „nur eingeschränkt geeignet“. Ein Rückschlag für die E-Mobilität – oder schlicht ein monumentaler Fehler bei der Beschaffung?
Es klang nach Zukunft: 24 Elektrofahrzeuge sollten in Wien, Tirol, Salzburg und Niederösterreich beweisen, dass „Einsatz mit Strom“ funktioniert. Doch nun der Paukenschlag: Die Gewerkschaft schlägt Alarm, und das Ministerium bestätigt, dass die Fahrzeuge künftig primär für „administrative Aufgaben“ oder als Botenwagen degradiert werden. Für die echte Verbrecherjagd kehrt man zum Diesel zurück.
Der „Kofferraum-Krimi“: Wenn die Weste nicht mehr reinpasst
Einer der Hauptkritikpunkte im Dienstalltag ist das Platzangebot. Während der ID.4 als Familien-SUV glänzt, scheitert er an der massiven Polizeiausrüstung. Schwere Schutzwesten, Rammen, Absperrmaterial und Funktechnik füllen das Heck so weit aus, dass Teile der Ausrüstung auf die Rücksitzbank wandern müssen – ein massives Sicherheitsrisiko.
Die bessere Alternative: Ein Blick auf den Tesla Model Y zeigt, wie es geht. Dank des fehlenden Verbrennungsmotors bietet der Tesla nicht nur einen riesigen Kofferraum (854 Liter inklusive „Frunk“, dem vorderen Stauraum), sondern auch tiefere Bodenfächer. Hier hätte die schwere Ausrüstung problemlos Platz gefunden, ohne die Rückbank zu blockieren. Selbst der Skoda Enyaq, der auf derselben Plattform wie der ID.4 steht, bietet durch eine intelligentere Raumausnutzung und einfachere „Simply Clever“-Lösungen spürbar mehr Nutzwert für den Dienstalltag.
Tempo 160: Verfolgungsjagd im Schongang
Besonders peinlich für eine Autobahnpolizei: Die beschafften Testwagen sind bei 160 km/h elektronisch abgeriegelt. In einem Land, in dem PS-starke Raser auf den Westautobahnen keine Seltenheit sind, wirkt ein Streifenwagen mit der Höchstgeschwindigkeit eines Kleinwagens deplatziert.
Die Konkurrenz zeigt die Rücklichter:
- Ein Tesla Model Y Performance rennt bis zu 250 km/h.
- Der Kia EV6 GT erreicht satte 260 km/h.
- Selbst der BMW i4, der in anderen Ländern bereits als Polizeifahrzeug dient, knackt locker die 225 km/h-Marke. Dass man sich in Österreich für die „Basis-Motorisierung“ von VW entschied, zeugt von mangelnder Fachkenntnis im Beschaffungsprozess.
800-Volt vs. Wartezeit: Das Ladeproblem
Die Beamten klagten zudem über die Reichweite und lange Standzeiten. Der ID.4 basiert auf einem 400-Volt-System, was die Ladegeschwindigkeit limitiert. Im 24/7-Schichtbetrieb zählt jede Minute.
Hier hätten Hyundai und Kia gepunktet: Mit dem Ioniq 5 oder dem EV6 stehen Fahrzeuge mit 800-Volt-Technik bereit. Diese laden den Akku in nur 18 Minuten von 10 auf 80 %. Ein VW ID.4 benötigt dafür im Idealfall rund 30 Minuten – im Winter oft deutlich länger. Zudem bieten die Koreaner „Vehicle-to-Load“ (V2L): Über eine Steckdose im Auto könnte man direkt schweres Gerät oder Einsatzbeleuchtung betreiben, ohne externe Aggregate.
Touchscreen-Chaos im Stressmoment
Die Ergonomie des VW-Cockpits ist legendär umstritten. Wer unter Adrenalin und mit Handschuhen versucht, über beleuchtete Touch-Slider die Temperatur zu regeln oder im Untermenü des Displays wichtige Funktionen zu suchen, verliert wertvolle Sekunden.
Die bessere Lösung: Hersteller wie BMW (mit dem iX1 oder i4) setzen weiterhin auf eine Mischung aus Touch und dem bewährten iDrive-Controller, der blind bedienbar ist. Auch der Skoda Enyaq hat – im Gegensatz zum ID.4 – eine Leiste mit echten Tasten für wichtige Grundfunktionen direkt unter dem Bildschirm.
Das Beschaffungs-Rätsel: Wer hat hier beraten?
Die Frage, die sich nun stellt: Wer hat dieses Lastenheft geschrieben? Es wirkt, als hätten Entscheidungsträger im Ministerium „von der Stange“ gekauft, ohne die spezifischen Anforderungen einer Funkstreife zu berücksichtigen.
- Warum hat VW nicht besser beraten? Der Hersteller liefert, was bestellt wird. Aber ein proaktiver Hinweis, dass für den Polizeidienst die GTX-Varianten (Allrad, 180 km/h, bessere Performance) das absolute Minimum gewesen wären, hätte erfolgen müssen.
- Marktferne: Dass man Marken wie Tesla oder die extrem schnell ladenden Koreaner völlig ignoriert hat, deutet auf eine Beschaffungsstrategie hin, die eher politische als technische Prioritäten hatte.
Direktvergleich: ID.4 vs. Was möglich gewesen wäre
| Feature | VW ID.4 (Testwagen) | Tesla Model Y Perf. | Hyundai Ioniq 5 |
| Vmax | 160 km/h | 250 km/h | 185 km/h |
| Beschleunigung (0-100) | ca. 8,5 Sek. | 3,7 Sek. | 5,2 Sek. (AWD) |
| Ladezeit (10-80%) | ~30-35 Min. | ~25-30 Min. | 18 Min. (800V) |
| Stauraum (Gesamt) | 543 L | 854 L (inkl. Frunk) | 527 L + Frunk |
| Bedienung | Touch / Slider | Zentrales Display | Tasten + Display |
Fazit: Ein hausgemachtes Desaster
Das Scheitern in Österreich ist kein technisches Versagen der Elektromobilität an sich, sondern ein Versagen der Planung. Man hat das falsche Werkzeug für einen hochspezialisierten Job gekauft. Mit einem Tesla Model Y für die Autobahn oder einem Hyundai Ioniq 5 für den schnellen Schichtwechsel hätte das Fazit heute wohl gelautet: „Diesel war gestern“.
So aber bleibt ein fader Beigeschmack und die Erkenntnis, dass bei der nächsten Ausschreibung hoffentlich Experten am Tisch sitzen, die den Unterschied zwischen einem Einkaufswagen und einem Einsatzfahrzeug kennen.
© Text / Bild e-news.ch 2026

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